Zwischen Atlas, Erg Chegagga und Atlantik.

Marokko im April und Mai. Über Ziel und Reisezeit haben wir uns Anfang 2019 nicht richtig Gedanken gemacht. Irgendwie reift die Idee im kalten Februar und über unsere Unentschlossenheit, wie wir mit der Verschiffung an unser Langfristziel Südliches Afrika umgehen sollen. Die Fähre von Genua nach Tanger ist schnell gebucht und so beginnt dann auch erst dort, auf der dreitägigen Fähranreise mit Zwischenstopp in Barcelona, die eigentliche Reiseplanung. Dem treuen Leser fällt an dieser Stelle auf, dass der Planungsgrad unserer Reisen doch stetig abnimmt, immer getreu dem Motto: Planung ersetzt Zufall durch den Irrtum. Gerade auf den Wegen, auf denen wir uns den bereisten Ländern nähern.

Die für uns rund 1.000 km lange Anreise nach Genua führt uns mit einer Übernachtung ländlich nahe Freiburg durch die Schweiz. Genua am Nachmittag und Abend zu erkunden, ist nett, insbesondere in die heimische Gastronomie einzutauchen. Nach kurzem Weg vom Stellplatz nahe der Altstadt zur Fähre heißt es, hier erstmal warten, unterscheidet sich ja gerade der Organisationsgrad eines jeden Landes. Die vielen, oftmals hochbeladenen PKW aus Italien, der Schweiz oder Deutschland zeugen vom Urlaub bei der Familie. Unschlagbar aber auch die große Anzahl Handelstreibender, die mit Sprinter & Co ganz neue Ladungs-(und auch Sicherungs-)konzepte verwirklichen.
Nur unsere eigene Marokko-Planung unterbricht die sonnige und ruhige Überfahrt: Karten, Blog-Beiträge, Reiseführer, pinterest und auch der Austausch auf instagram helfen und so reift unsere Touridee, Marokko im Uhrzeigersinn zu bereisen. Außer Fés und Marrakesch sind keine größeren oder touristisch besonders erschlossenen Städte auf unserer Liste. So geht es durch den Nordosten über Fés, durch Atlas und Antiatlas hin bis zu den Ausläufern der Sahara und die algerische Grenze nach Süden. Dann nach Westen bis Tan-Tan an die Küste und von dort die Küste entlang nach Norden und über Marrakesch wieder zurück zur Fähre. Mit An- und Abreise haben wir uns rund fünf Wochen Zeit für die 5.500 km Zeit vor Ort genommen.

marokko2019

Unsere erste Übernachtung, der Einfachheit halber auf einem kleinen Campingplatz oberhalb von Tétouan, bringt uns einer ersten kleinen und schönen marokkanischen Stadt näher: etwas Verkehrsgewusel, Kleinbusse als zentrales Transportmittel, blau gestrichene Häuser, eine sehr schöne kleine Medina mit viel Betrieb. Hier besorgen wir die obligatorischen SIM-Karten. Gegrilltes, Gemüse und Salat, neues Bargeld, ganz frische Hühner, denen man bei der Auswahl noch beim Scharren zuschauen kann, und vieles mehr lassen uns schon in Marokko eintauchen. Weiter geht es Richtung Fés mit einer Übernachtung und erstem freien Stehen an einem Stausee und freundlichen Gästen am Stellplatz: der Angler der bleibt direkt mal über Nacht in der Nähe und wir sind sicherlich auch der Höhepunkt eines Wochenendausfluges einer großen Familie (Angela erfreut sich bis heute an den nicht verständlichen WhatsApp-Sprachnachrichten ;-)).

Fés selber ist sehr schön. Nach der Innenstadtdurchquerung haben wir etwas außerhalb auf einer empfohlenen campsite übernachtet. Die Medina in Fés ist die Größte in Nordafrika und stark vergleichbar mit den typischen Basaren, die wir aus der Türkei oder dem Iran kennen. Die Lederverarbeitung ist interessant, auch wenn diese insbesondere den Geruchssinn strapaziert. Aber gerade abends wird es in Fés nett: weniger Touristen, Dachterrassen und schöne (oftmals sehr versteckte) Restaurants sind unbedingt zu empfehlen. Bei unserer Weiterreise am nächsten Morgen besuchen wir noch die Festung Borj Sud und werden mit einem wunderschönen Blick auf die Stadt belohnt.

Von Fés aus geht es über Land nach Süden und wir verlassen am Rand des hohen Atlas langsam auch mal wieder die asphaltierten Straßen. So führen uns diese Wege durch trockene Flussbetten, steinige Wege zu einsamen Dörfern im Gebirge und zu ganz besonderen Menschen. Mit wie Wenig man auskommt und nicht nur zufrieden, sondern auch stolz ist, lehrt Demut und justiert eigene Referenzpunkte für den Alltag. Mit welcher Freundlichkeit man von drei Generationen in einem einfachen Haus eingeladen wird, wieviel Vitalität und Lebensfreude man auch im Alter nach solch kargem Leben ausstrahlen kann, beeindruckt.
Weiter geht es bergauf bergab, immer mit spannenden freien Stellplätzen mittendrin: die Schotter-Passstraße (von den Franzosen in den 30er Jahren gebaut) hinauf auf Passhöhen schnell höher als 3.000m und Begegnungen mit Menschen, die dort in einer Mobilfunkstation oder als Schäfer arbeiten. Und bei einer dieser Übernachtungen auf einer Passhöhe ist es dann passiert: Bei Sonne immer mehr bergauf, kurz vor Sonnenuntergang auf der Passhöhe angekommen. Feierabend. Morgens dann beim ersten Blick aus dem Bad von Neuschnee überrascht. Ich weiß, VORHER schaut man auch auf den Wetterbericht und es ist logisch, dass in einer solchen Höhe um die Jahreszeit auch Regen zu Schnee werden kann. Also gaaaanz vorsichtig die Piste bergab. Eine geht voraus. Unsere Reifen sind jetzt nicht gerade für den Winterbetrieb gedacht, bloß nicht bremsen und ins Rutschen kommen. 8 km bergab in etwas mehr als drei Stunden, das schweißt zusammen, auch nach mehr als 30 Jahren gemeinsamer Wege (an dieser Stelle dann mein besonderer Dank an meine Beifahrerin nicht nur für das Vorausgehen bergab, sondern auch für die schöne Reise). Nach dieser Erfahrung dann einfach mittags Schluss gemacht und sich auf einer kleinen campsite im Norden des Dades-Tal verwöhnen lassen.

Der nächste Tag führt uns weiter durch das wirklich beeindruckende Dades-Tal: viel Grün, bewässerte Felder, farbige Dörfer und enge Schluchten und zu unserer Reisezeit nahezu kein Tourismus. Die weitere Reise bis ganz in den Süden Marokkos verläuft dann weiter entspannt mit der ersten Sanderfahrung und den Tracks der lila Pistenkuh bis hin nach Mhamid. Und von hier für drei Übernachtungen durch das erg chegagga und das hat Spaß gemacht: schöne Stellplätze mit Aussicht und eine nette Piste schafft weiteres Selbst- und Fahrvertrauen. Vom erg chegagga geht es nach Westen, mal alten Pisten der Rally Paris/Dakar folgend, mal auf Tracks der Pistenkuh bis nach Tan-Tan an der Küste des Atlantiks und den südlichsten Punkt unserer Marokko-Rundreise. Wenn Justus (der heute wohl noch bereut, NICHT mit den Eltern in diesen Urlaub gefahren zu sein) sagt, „Tan-Tan ist meine Stadt“, liegt das sicherlich an der höchsten bisher erlebten 4×4-Dichte von Land-Rover, Toyota und Co. Aber auch die Märkte und die Markthalle sind wirklich sehenswert. Wir decken uns mit ausreichend Fleisch und Gemüse ein und bunkern auch noch einmal Diesel für die vor uns liegende Strecke die Küste hinauf.

Weiter geht es jetzt ganz zur Küste an Ksar Tafnidilt vorbei und durch weite Dünenlandschaften Richtung Stand. Und da ist es dann passiert: Nach erstem Stopp mit Meerblick startet der Wagen schon nur noch widerwillig. Ein paar Kilometer weiter und dem Versuch, immer mal zwischendurch ein Nichtanspringen zu provozieren, ist unser treuer Reisegefährte konsequent und lässt sich nicht mehr starten. Erinnerung an die Russlanderfahrung im letzten Jahr werden wach, trotz inzwischen ausgetauschter neuer Förder- und Einspritzpumpe (die in den vielen Reisejahren nicht immer Qualitätsdiesel förderte und sich letztendlich weigerte, den erforderlichen Druck bei Starten aufzubauen). Also Fahrerhaus kippen und mit telefonischer Hilfe des Landmaschinenschlossers unseres Vertrauens Leitungen, Pumpen und Düsen entlüften und kontrollieren, denn es ist Luft im Kraftstoffsystem. Dann bekommen wir Besuch von einem der Militärposten, die an der Küste ca. alle vier Kilometer eingerichtet sind und so macht man sich gemeinsam mit uns an die Schrauberarbeit. Abends kurz vor Dunkelwerden und nach dem Abendgebet unseres Helfers haben wir dann einen Schlauch identifiziert, der etwas undicht gescheuert war. Die Freude ist aber nur von kurzer Dauer. Am nächsten Morgen stellen wir fest, dass es sich nur um einen Rücklaufschlauch handelt. Glück und Hilfe gehören dann doch immer dazu und im Nachhinein wundert man sich, wie es dann wieder passte: Ein vorbeikommender Fischer nimmt sich auch unserem Problem an. Inzwischen haben wir methodisch das eine oder andere Leitungsstück stillgelegt, um die defekte Stelle einzugrenzen. Eben dieser Fischer bläst im richtigen Moment in das richtige Schlauchstück und mehr durch Zufall sehe ich ein paar kleine Bläschen an einer ganz anderen Stelle. Dieses Schlauchstück ist dann schnell gefixt (wir hätten nicht einmal das Fahrerhaus kippen müssen) und er läuft und läuft und läuft. Das Intermezzo hat wieder auf unsere Erfahrung eingezahlt, nicht nur das eine noch vorhandene halbe Flasche Rotwein abends nach erfolgloser Fehlersuche auch sehr entspannen kann.

Bevor es runter an den Strand geht, folgen wir weiter der Küstenlinie mit den Militärstationen (denen man auch eine Einladung zum Tee nicht abschlagen kann), einigen Fischerhütten oder dem alten Fort Aoreora. Hier geht es durch die Dünen hinunter direkt an den Strand, auf dem es jetzt die nächsten 50 Kilometer weiter nach Norden geht: Und das Fahren macht Freude, auch das Schwimmen gehen, das Übernachten und Grillen direkt auf dem Strand. Dabei nur Ebbe und Flut beachten, der gut befahrbare Streifen im Sand ist schmal. Vom Strand geht es wieder hoch auf und durch das Hinterland zur nächsten asphaltierten Straße. Dieses Stück Piste war in Teilen die bisher für uns anspruchsvollste Strecke, die wir mit unserem Camper gefahren sind.

Weiter geht es nach Osten durch grüne Täler nach Guelmim. Die Strecke ist vom Kakteen-Anbau geprägt, die zur Öl-Gewinnung aus der Kaktusfeige dient. In Guelmim finden wir wieder einen dieser Top-Supermärkte vom Marjane, die eine Fülle von frischen und internationalen Lebensmitteln, exzellente Fleisch-, Käse-, Delikatessen- und Gemüsetheken, dies alles aber selbst im europäischem Vergleich höchstpreisig anbieten. Weiter geht es zu den blauen Steinen (ursprünglich 1984 durch den belgischen Künstler Jean Vérame gestaltet) Dort übernachten und grillen wir freistehend inmitten des Kunstwerks. Und die Reise geht weiter über die sehr schöne und lebendige Kleinstadt Tafraoute und einer spontanen Unterbrechung an der Kashba von Tizourgane, einem festungsartigen Dorf, das dem Rückzug, aber auch der Lagerung von Waren diente. Die noch andauernde liebevolle Restauration hat uns veranlasst, in dem dort kleinen Hotel ein Zimmer zu nehmen und den Tag einfach auf der Dachterrasse mit wunderschönem Panorama und Abendessen zu genießen.
Unsere nächste Station ist dann Marrakesch. Nach den ganzen bisherigen vielfältigen Reiseeindrücken passt Marrakesch so überhaupt nicht mehr in unser Marokko-Bild: Lärmende Marktplätze, eine von Touristen überflutende Medina, viel Nepp, „typische Musik“ und vieles mehr. Etwas schöner ist es dann abends noch im ehemaligen jüdischen Viertel am Rand der Innenstadt mit einem schönen Restaurant und Dinner auf der Dachterrasse.

Am nächsten Morgen Marrakesch und unseren Stellplatz direkt an der Innenstadt dann schnell verlassen und weiter nach Norden. „Strecke machen“ über die Autobahn und in der Nähe der Hauptstadt Rabat wieder Richtung Küste und nach gar nicht langem Suchen noch einen schönen Stellplatz mit einem tollen Blick auf das Meer gefunden, freundliche Fischer abends und morgens inclusive. Der Rest der Strecke in Richtung Tanger und Fähre unspektakulär. Die weitere Rückfahrt können wir dann mit drei Übernachtungen entspannt angehen. Nach der Ankunft frühmorgens in Genua sind wir mit Zwischenstopp am Lago Maggiore über den Simplon Pass und Übernachtungen im Oberwallis und nahe Speyer entspannt nach Hause gefahren, nur unterbrochen von einem Platten auf der italienischen Autobahn: Ein Steinchen bei Fräsarbeiten hat sich durch den Reifen ganz nach innen gearbeitet. Das haben alle Steine auf den Pisten, Passquerungen und Flussläufen in Marokko nicht geschafft.

Dieser Text entsteht in den Grundzügen auf einer meiner letzten dienstlichen Reisen in Hannover beim abendlichen Sushi und in einer Woche geht es schon wieder los: Ab Frankfurt geht es über Johannesburg nach Walvis Bay in Namibia. Dort soll, wenn alles gut geht, morgen Abend unser Reisegefährte vom RoRo-Schiff aus Antwerpen an Land gehen. Wir haben es also gemacht mit der Verschiffung. Mal schauen, wie es weiter geht. Danke an alle geneigten Leserinnen und Leser, die bis hierhin gekommen sind.

Unsere vielen Marokko-Reiseeindrücke wie immer auf instagram und dort auch, wie es uns jetzt in Afrika ergeht. Ich bin selber da wohl mit am meisten aufgeregt, neugierig und noch mehr.

Also bis bald.

 

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